Und dann war sie da – Mein Geburtsbericht

15. Mai 2017

von Kaliopi

Freunde, ich bin überwältigt, wobei dieser Begriff meine momentane Gemütslage kaum zuverlässig umschreiben kann. Ich befinde mich in einem bislang noch nie gekannten Zustand und deswegen wäre es nur mehr als gerechtfertigt ein eigenes Wort für genau diesen Zustand zu erfinden. Der Mix an Empfindungen und die tausend erstmaligen Gedanken blockieren den schöpferischen Wortfluss ein wenig, weswegen ich mich jetzt einfach mit dem erfinden von neuen Wörtern zurückhalte.

Viel lieber nutze ich die kurzen Ruhephasen und schreibe das nieder, was sich vor ungefähr sechs Wochen zugetragen hat – Die Geburt meiner Tochter Lonny. Puh, ich habe eine Tochter. Ich kann es kaum glauben. Nichts, rein gar nichts kann einen auf den Moment vorbereiten; keine Berichte von Freunden und Verwandten, nichts was auch nur annähernd den hochprozentigen Gefühlscocktail beschreibt, der einen vollständig zu navigieren scheint, sobald die kleine Erdbewohnerin das Licht der Welt erblickt. Ich werde allerdings in diesem Bericht den Prozess, also die Geburt als solche, beschreiben. Die gefühlsduseligen Texte folgen noch, versprochen.

Dienstag der 04. April 2017:

Was ich euch wahrheitsgetreu verraten kann: An diesem Punkt meiner Schwangerschaft war die Grenze meiner Geduld bei weitem überschritten. Ich war fix und fertig und bei dem Gedanken, dass der offizielle Geburtstermin noch 10 Tage auf sich warten ließ, überkam mich ein Gefühl, was schon an leichter Niedergeschlagenheit grenzte. Nun war also Dienstag und außer der üblichen schlaflosen Nacht, bösartigen Hüftschmerzen und dem tückischen Sodbrennen, spürte ich absolut keine Veränderung. Ich musste einen erneuten Arzttermin wahrnehmen und ich hatte unbeschreiblich wenig Lust dort hin zu tingeln. Es lief nun schon seit Wochen ziemlich ähnlich ab: Eine Stunde an das CTG, was mich zu Tode langweilte, erneut hören, dass der Gebärmutterhals fest verschlossen ist und weit und breit keine einzige Wehe in Sicht. Nichts, nada, niente. Genau diese Vorausdeutung bestätigte sich dann auch. „Frau L…, ich fürchte, dass es sich die Kleine gemütlich gemacht hat. Stellen sie sich auf einen verspäteten Termin ein.“

Na super. Frustriert fahre ich zu meiner Mutter, jammere und beklage mich ausgiebig und begebe mich einige Zeit später in Richtung Heimweg. Dort angekommen lege ich mich hin und beschäftige mich mit sinnlosem Kram im World Wide Web. Plötzlich spüre ich ein lautloses Plopp und irgendwie fühlt sich alles nass an. Werde ich jetzt etwa noch inkontinent, ist mein erster Gedanke. Ich stehe also auf und merke, dass der Wasserfluss nicht abebbt. Im Gegenteil, er wird stärker. Spätestens da ist mir klar, dass die Fruchtblase geplatzt ist. Es geht los. Aufregung und Panik steigen in mir hoch. Hilfe ich bin noch nicht bereit. Blöde Widersprüchlichkeit!

Ich rufe meinen Mann an, der sich praktisch nachhause beamt. Ich wirbele in der Zwischenzeit durch die Wohnung und packe alles, was nicht schon in meinen drei Kliniktaschen verstaut ist. Ich bin so durcheinander, dass ich kopflos durch die Gegend hetze. Mein Mann besitzt Gott sei Dank die Gabe des Beruhigens, so dass ich etwas runterkomme. Er packt in aller Ruhe für mich ein und eine halbe Stunde später sind wir auf dem Weg ins Krankenhaus.

18:30 Uhr und wir befinden uns im Kreissaal. Ich bin ganz alleine da, weit und breit keine Leidensgenossin. Meine Hebamme hat Dienst. Erleichterung macht sich breit. Ich hänge am CTG. Momentane Sachlage: Ein richtiger Blasensprung, allerdings keine einzige Wehe in Sicht und der Muttermund ist fest verschlossen. Die Prognose der Hebamme: Das dauert bestimmt noch zwei Tage. Ich bin etwas enttäuscht. Mental habe ich mich nämlich total auf die Geburt eingestellt und möchte absolut nicht mehr warten. Ich werde auf die Station geschickt. Mittlerweile ist es 22 Uhr. Ich bemerke leichte Schmerzen, allerdings berufe ich mich gedanklich auf die Prognose der Hebamme und bin der Überzeugung, dass ich mir die Schmerzen nur einbilde. Meine Hebamme hat nun Dienstschluss und verspricht am nächsten Morgen wieder da zu sein. Ein weiteres Mal versichert sie mir, dass es vorher eh nicht losgeht. Gegen 23 Uhr habe ich den Eindruck, dass meine eingebildeten Wehen ganz schön schmerzhaft sind. Alle fünf Minuten, habe ich das Gefühl Monstermenstruationsschmerzen zu bekommen. Ich versuche zu schlafen, doch umso mehr Zeit vergeht, desto schmerzhafter fühlt sich der untere Bereich meines Körpers an. Ich fluche leise vor mich hin, weil ich den doofen Geburtsvorbereitungskurs nicht gemacht habe. Bestimmt hätten die mir da beigebracht wie ich die Schmerzen weg atme und dann würde das Ganze nicht mehr so weh tun, bin ich überzeugt. Mein Mann macht einen Atmungs-Crash-Kurs mit mir. Doch selbst die neu erlernte Methode des Atmens scheint nutzlos zu sein. Um 00:30 bin ich kurz vorm durchdrehen. Eingebildete Schmerzen hin oder her, ich ertrage keine weitere Sekunde. Gekrümmt und hinkend machen wir uns auf den Weg in den Kreissaal. Ich kann die Tränen nicht mehr unterdrücken. Die Hebamme die nun da ist nimmt mich anfänglich nicht ernst und denkt ich übertreibe. Mir reicht es. Genervt von mir selber und noch viel genervter von ihr, schrei ich sie an und sage in einem leicht hysterischen spitzen Ton, dass sie gefälligst schauen soll, was da unten so vor sich geht. Sie, leicht geschockt über den Tonfall den ich einschlage, untersucht mich dann doch recht zügig. Oh, sagt sie. Der Muttermund ist zehn cm offen. Geht jetzt wohl doch los. Oh??? Zehn cm? Ich will eine PDA, schreie ich sie an. Sofort! Sie entgegnet, dass es zu spät für eine PDA ist und ich völlig außer mir erkläre ihr, dass es mir sch….egal ist. Ich will sofort eine PDA. Sie kramt seelenruhig irgendwelche Unterlagen hervor, die ich für eine PDA ausfühlen muss und ich fühle mich etwas veräppelt, weil ich zu dem Zeitpunkt noch nicht mal meinen eigenen Namen buchstabieren kann. Mein Mann, mein Held, macht sich tapfer ans ausfüllen, erduldet meine Beschimpfungen, weil mir das natürlich alles zu langsam geht. Nach einer gefühlten Ewigkeit schaffen es auch die Anästhesisten in den Kreissaal. Der Wisch ist ausgefüllt, nun folgt eine Einweisung und die Anästhesistin scheint richtig genervt von mir zu sein. Ich mache aber auch keinen hehl daraus, dass sie mir unsympathisch ist. Wir mögen uns nicht, sie rollt mit den Augen und ich frage sie, ob sie immer so unsympathisch ist. Ein herrliches Zusammenspiel, vor allem weil sie gerade dabei ist mir eine Spritze in den Rücken zu jagen. Zumindest mag ich die Hebamme mehr und mehr. Sie wirkt nicht mehr so distanziert und geht komplett auf mich ein. Um 2:00 Uhr ist die PDA gesetzt. 15 Minuten später wirkt das Zeug und ich falle in eine Art Dämmerschlaf. Ich schlafe irgendwie ein und werde gegen 3:30 Uhr wach. Ich spüre die Wehen nun konstant, sie sind aber nicht mehr schmerzhaft. Nichts im Vergleich zu dem Schmerz, vor der PDA. Ich fühle mich fast schon selig. Die Hebamme kommt rein und erklärt, dass das Baby sich auf den Weg macht. Sie würde wohl in den nächsten zwei Stunden kommen; sie behält Recht. Alles was dann passiert, verläuft wie in einem Traumzustand. Die Presswehen fühlen sich im Vergleich zu den Wehne vor der PDA nur wie leichte Hiebe an. Den Part empfinde ich tatsächlich als den harmlosesten. Der Gedanke, dass sie bald da ist, motiviert mich. Die Abstände zwischen den Wehen sind etwas zu lang, deswegen zieht sich das Ganze. Ich kann gar nicht genau sagen, was sich in der letzten halben Stunde abspielt. Mein Zeitgefühl ist praktisch nicht vorhanden. Alles was ich weiß ist, dass die Hebamme sagt: Noch zwei Mal pressen und plötzlich sind alle meine Sinne aktiviert. Mich überkommt eine unendliche Erleichterung, ich höre das Weinen meiner Kleinen, sie wird mir direkt auf den Bauch gelegt, ich fühle ihren warmen Körper und blicke das erste Mal in ihr zerknautschtes, wunderschönes Gesicht. Es gibt keine Worte, um das Gefühl zu beschreiben, keine Buchstaben, die einen Zusammenhängenden Satz formen könnten. Ein etwas kläglicher Beschreibungsversuch: Eine Mischung aus unsterblichem Verliebt sein, ausgelassenem Achterbahnfahren, eine Handvoll rosa Zuckerwatte, das Lieblingsessen, wenn man total hungrig ist, das euphorische Gefühl, jedes Mal wenn man verreist und das multipliziert man mit 1000. Ihr seht also, dass ich kaum rational erklären kann, was in mir vorging und auch immer noch vorgeht.

Als Fazit meines Geburtsberichts kann ich sagen, dass ich mich wahnsinnig glücklich schätzen kann. Mein kleines Glücksbündel hat es mir sehr einfach gemacht. Insgesamt lag ich zwei Stunden in den Wehen. Weitere zwei Stunden gingen für ihren Weg in die Welt drauf. Alles in allem hieß es für mich etwas über vier Stunden der Schmerzen und des Wartens. Dann war sie da. Die Schmerzen hielten sich wirklich in Grenzen und ich darf das sagen, weil ich wirklich eine kleine Heulsuse bin. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich die Geburt verarbeiten müsste und ich kann mir definitiv vorstellen noch so eine Geburt zu überstehen. Die Schwägerschaft als solches, war für mich wirklich anstrengend und traurigerweise konnte ich sie wegen tausend kleiner Wehwehchen und starken Stimmungsschwankungen nur bedingt genießen. Dafür wurde ich mit einer angenehmen Geburt belohnt!

Zehn Monate des Wartens sind vorbei. Willkommen mein kleines Reh. Wir lieben dich!


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