Über „gutgemeinte“ Ratschläge und schlechtem Gewissen À la carte

23. August 2018

von Kaliopi

Gedanken fluten meinen Kopf. Wörter, Fetzen, Stimmungsfragmente, Momentaufnahmen, eine Aneinanderreihung an Gemütszuständen, wirr und völlig aus dem Kontext gerissen. Der eigens diagnostizierte Befund: Allgemeine Funktionsfähigkeit gegeben, wenngleich alles auf Sparflamme läuft.  Im Klartext: Ich bin ein Roboter, der funktioniert, aber Emotionen, Einwende und Argumente eingestellt hat. Wo ist denn bitte der Knopf, um die Flut an Ratschlägen und Ideen anderer auszustellen? Muss ja kein Knopf sein. Kann auch ein Hebel, oder ein großer metallener Griff sein, der mit der nötigen Gewalteinwirkung, die soeben erwähnte Flut ausstellt. Es geht hier auch letztendlich nicht um die Anwendung von Kraft, oder konstantem „Friede, Freude, Eierkuchen“. Es geht nicht darum, dass ich nicht bereit wäre fremdangeregten Antrieben und Ermunterungen das Zepter zu reichen. Nein, wirklich! Ich bin durch und durch Freund und Befürworter von gutgemeinten, ehrlichen Ratschlägen. Nur sieht es zurzeit so aus, dass Ratschläge mir schwer verdaulich in der Magengegend rumoren, ungefähr so, wie nach einer etwas zu turbulenten Karussellfahrt. Eine Drehung zu viel, wenn man so will. Der Magen rebelliert, mein Kopf auch und was bleibt ist miese Laune.

Nun gut, genug mit dem kryptischen Gefasel. Worum geht es hier eigentlich? Ich spreche von gutgemeinten Ratschlägen, die trotz Mühe, nicht gut verpackt wurden und somit gar nicht mehr so gutgemeint rüberkommen. Frage an dieser Stelle: Seit wann ist es salonfähig geworden, völlig ungefiltert und ohne Verstand mit Tipps und Ratschlägen um sich zu schmeißen? Beispiele gefällig? Nun gut: „Wie, du stillst noch? Ist deine Tochter nicht zu alt dafür? Also ich habe ja nach einem halben Jahr aufgehört.“

Herzlichen Glückwunsch. Interessiert mich so gar nicht. Interessiert mich weniger, als der berüchtigte Sack voller Reis, der irgendwo im asiatischen Raum den Boden berührt. Ist ja nicht so, als ob es bei der Kindererziehung aufhören würde, wobei es bei dieser Thematik gefühlt am meisten „gutgemeinte“ Ratschläge hagelt. Es geht munter und ausgelassen weiter. Besagte Ratschläge machen keinen Halt beim Thema Arbeitsmodelle, denn wer keinen nine-to-five- Job favorisiert und mindestens 5 Überstunden pro Tag kloppt, der gehört ja eigentlich aus unserer Gesellschaft verbannt. Hauptsache die Wohnung sieht -zusätzlich zu dem Job, der bestenfalls die Fixkosten deckt, aber keinesfalls glücklich macht – noch pikobello aus und wir wollen natürlich nicht über Ernährung und Essen sprechen. Der neuste Trend: Schlechtes Gewissen À la carte. Nicht nur, dass alles frisch sein muss. (sonst Rabenmutter) Ich bin mir sicher, dass es seit der Geburt der Influencer in den sozialen Medien richtige Kriege zwischen Fleischessern, Vegetariern, Veganern, Frutariern, Pescetariern und diversen anderen Essensgruppierungen, gibt. Ich traue mich schon gar nicht mehr den Begriff Essen als richtiges Thema in einem Gespräch einzuwerfen; könnte sich sonst jemand auf den Schlipps getreten fühlen. Bio oder nicht Bio und wenn mir schon mal beim Thema Ethik sind, sollten wir doch bitte versuchen alles richtig zu machen und nicht nur so halbherzig. Ein Mal pro Tag Müll aufsammeln, nur noch nachhaltig einkaufen, nie wieder Plastik benutzen und man sollte es bloß nicht wagen einen Kaffee to Go Becher zu benutzen. Schließlich hat man sich dagegen schon mal ausgesprochen. Ein Mal richtig, immer richtig, oder so. Versteht mich nicht falsch, ich verstehe die Notwendigkeit, die dahinter steckt. Vieles versuche ich umzusetzen, aber nun ist es doch so, dass alles nicht immer klappt, dass niemand perfekt ist, und dass der eigene Becher auf einem Roadtrip nicht mitgenommen wurde und dann doch ein Kaffee to go Becher herhalten muss. Nur um ein Beispiel vom beispiellosen Verhalten aufzuführen.

Wieso ich nur schöne Bilder auf diversen sozialen Kanälen poste, hat mich neulich eine Bekannte in der Stadt gefragt. Weil ich Bock draufhabe, weil ich Ästhetik liebe und ja, sollte ich irgendwann Bock haben auf Achtung #mehrrealitätaufinstagram  haben, werde ich auch das tun. Dieses ständige auseinandernehmen von Dingen. Warum postet die nur Schönes, warum redet die da über ihre Periode….Ist doch schnurzpiepegal. Mal kurz auf den Punkt gebracht, in einem primitiven Satz: Jeder wie er Bock hat.

Also zurück zum Anfang meiner Geschichte. Wieso meine Gedanken einen Haufen Wirr war produzieren? Weil die Welt um mich herum mich total kirre und konfus macht. Ich würde gerne rechtzeitig aus dem Karussell aussteigen. Mit dem leichten Drehwurm kann ich leben. Keine Sorge, ich musste mal kurz einen Schwall an Aufregen loswerden um mich dann meiner Tochter zu widmen, die ich, oha, immer noch stille, um mich meinen diversen Nicht-nine-tofives-Jobs zu widmen, um weiterhin das zu essen worauf ich Bock habe, sei es nun vegan oder weiß der Himmel was. Um weiterhin perfekt unperfekt zu sein, um meine gestellten nicht- Realität- konformen Bilder bei Instagram zu posten (nein, ihr werdet nicht meine unaufgeräumte Küche sehen, warum auch?) Ich werde weiterhin das Lesen worauf ich Lust habe, denn ihr werdet es nicht glauben, auch das wird heutzutage gerne kritisiert. Also für alle die gerne unaufgefordert Ratschläge verteilen: Ab sofort stoßt ihr auf taube Ohren, wie man so schön sagt. Oh happy day.


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