Reisejournal – Die erste Woche in Indien

12. Dezember 2015

von Lydia Springer

10.12.15 kurz nach 16 Uhr

Die Sonne steht schon tief am Himmel. In 12 Fingerbreite geht sie unter, soll heißen in 120 Minuten. Das hat Tom mir hier beigebracht. Wenn du also wissen möchtest, wann die Sonne untergeht, misst man den Abstand von der Sonne zum Horizont mit den Händen, pro Finger sind es dann 10 Minuten. Clever nicht?!

Wir sind nun schon eine Woche hier in Kerala, genauer gesagt Edavanakkad, 25km von Kochi entfernt, direkt am Strand des Arabischen Meeres. Ich möchte euch nicht mit dem superentspannten Flug, fast zehnstündigem nervigen Aufenthalt in Sri Lanka, 36h unterwegs mit nur zwei Stunden Schlaf langweilen, sondern direkt im Hier anfangen ;-)

Endlich fühle ich mich entspannter und angekommen. Etwas wie Urlaubsstimmung macht sich langsam breit. Die ersten Tage waren für mich eine blanke Überforderung. Freunde erzählten mir vorher von Menschen, die sich drei Tage in ihrem Hotelzimmer eingesperrt hatten. Damals dachte ich noch, wie kann man nur so ängstlich sein? Jetzt weiß ich es, man kann und ich auch. Ich dachte, ich wäre so unfassbar offen, neugierig und quasi abgeklärt in vielerlei Hinsicht, dass mich Berlin, das kleine Moloch, schon auf alles Schlimme vorbereitet hätte, aber dem war nicht so. Eigentlich bin ich noch immer die Kleinstadtpflanze, die sich versucht, mit dem Neuen, was ihr tagtäglich begegnet, zu arrangieren. Klar haben mich zehn Jahre Großstadt unerschrockener werden lassen, aber wie ein Gast mir gestern glücklicherweise zustimmte: „Nothing is like India.“ Und sie sei schon sehr, sehr viel herumgereist, versicherte sie mir. Endlich sehe ich die lächelnden und winkenden Menschen, wo ich vorher nur grimmig schauende entdeckt habe. Der wahnsinnige Verkehr, der mir am ersten Tag Todesangst eingejagt hat, ergibt langsam einen Sinn. Das übermäßige Hupen ist Kommunikation und ohne Ampeln, Schilder oder sonst eine sichtbare Regelung, fügt sich alles zusammen wie ein Puzzle, wie Tom bemerkt, der mit mir seit Tagen auf dem Scooter (einem Roller) die Gegend erkundet. Er erwies sich als wahres Naturtalent im Roller fahren, ich leider nicht. Die lustigen bunten Tuk-Tuks und knallig neonfarbenen Busse überall, fesseln meine ganze Aufmerksamkeit, ebenso wie die Tatsache, dass man tatsächlich seine ganze vierköpfige Familie auf dem Roller mitnehmen kann und die Ziege quasi noch mit auf dem Schoß dazu. Das Essen ist hier wirklich großartig. Und jeder der mich kennt, weiß, dass ich echt sehr anspruchsvoll sein kann. Aber hier ist alles lecker! Wunderbar gewürzt, nicht zu scharf und immer mit viel Obst, Curry und leckerem Reis. Und natürlich essen wir nur mit den Fingern. Fotos folgen im nächsten Eintrag.

Die Tage und Nächte sind sehr warm, zwischen 27 und 33°C, tropisch feucht und zum Glück abends meist windig. Aber trotz der Hitze fühlt es sich großartig an. Überall sind Insekten und Echsen, vor denen ich in Deutschland Reißaus genommen hätte, aber hier gehören sie einfach dazu. In Deutschland wäre ich wohl nicht so erfreut, ständig Miniameisenstraßen in meinem Bad zu haben, oder zwei Geckos im Zimmer. Aber sie machen hier ihren Job. Der Gecko frisst die lästigen Moskitos und die Ameisen verspeisen die Essenreste oder andere tote Insekten, und verschwinden dann wieder. Jeder hat seinen Platz. Der wunderschöne Ausblick auf das Meer, den wir von der Terrasse unseres Hotel aus haben, ist für mich wirklich neu, denn außer an der Ostsee war ich noch an keinem Meer dieser Erde, schon gar keinem so warmen. Die mächtigen Wellen brechen unentwegt an dem steilen Strand. Es klingt wie einer dieser Meeresrauschen-CDs, die ich als Kind so gerne hörte. Außerdem bestimmen unsere Geräuschkulisse die zwei Ziegen vom Nachbargrundstück, die fast pausenlos plärren und das Krächzen der Krähen, die in den Kokospalmen nisten und auf der Suche nach Küchenabfällen in Scharen umherfliegen. Um 5.30 Uhr morgens, gegen 16 Uhr nachmittags, zum Sonnenuntergang und gegen 20 Uhr hören wir den Aufruf des Muezzins zum Gebet, der aus den Lautsprechern im Dorf ertönt. Hier wohnen fast ausschließlich Muslime, wenige Hindus und relativ viele Christen. Dies spiegelt sich auch im Stadtbild wieder. Einige Läden haben freitags, andere wiederrum sonntags zu, je nach Konfession des Inhabers.
Bislang haben wir schon viel erlebt und erfahren, aber das kann ich hier nicht alles in einen Eintrag bringen. Ich muss unbedingt vom Yogakurs mit der großartigen Carmen berichten, dem seltsamen Sexual- bzw. Nichtsexualverhalten der Inder, den „sozialen“ Unterschieden aka das Kastensystem und meinen ersten kreativen Arbeiten am Hotel hier.

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