Reisejournal – Das seltsame Sexualverhalten der jungen Inder

20. Dezember 2015

von Lydia Springer

eddy chilli out

20.12.2015

Es gibt viele Dinge, die in Indien anders sind als bei uns in Europa, aber einer der auffälligsten ist wohl das Sexual- oder Flirtverhalten der Inder. Natürlich fällt es mir, einer Frau aus Berlin, die ein sehr unverkrampftes Verhältnis zu ihrer Sexualität hat, noch stärker auf, als zurückhaltenden Menschen, dennoch findet es Erwähnung in jedem Reiseführer. Ich bin mir nicht mal sicher, ob es der Islam, der Hinduismus oder die indische Kultur an sich dieses Verhalten geprägt haben. Dass man sich als Frau hier eher bedeckt hält, mit langer Hose und T-Shirt, das die Schulter bedeckt, ist ja allseits bekannt. Aber auch am Strand ist eine Frau im Bikini ein absolutes Novum. Selbst Werbung für Unterwäsche ist dermaßen überbelichtet, dass man keine Rundung mehr erkennen kann.

Junge Männer zwischen 15 und 25 Jahren starren, ob der plötzlichen Reize, die sich durch die Europäerinnen offenbaren, hinter Palmen und Büschen versteckt, eben diese an. Für einige Badegäste ist das allein schon Belästigung genug. Aber da Indien das Land der Extreme ist, findet sich auch dafür eine Steigerung. Es werden immer wieder einige Jungs beobachtet, die sich hinter Büschen beim Anblick der fast nackten Damen nicht zurückhalten können und sich selbst befriedigen. Aber was man im Internetzeitalter öfters sehen kann, sind junge Männer mit ihrem Smartphone bewaffnet am Strand entlang laufend, Selfies von sich und ihrem Freunden machend und zufällig landen die Strandschönheiten mit vor dem Objektiv.
Man darf sich den Strand hier Cherai Beach, wo wir heute sind, nicht wie in Deutschland vorstellen, überfüllt von Menschen, wo “die Spanner” nicht wirklich auffallen würden. Heute liegen drei junge europäische Frauen alleine am Strand – jeweils 300 Meter rechts und links von Ihnen ist niemand, wirklich niemand. So laufen also die kleinen Gruppen von Halbstarken vollständig bekleidet am Strand entlang und machen Fotos. Zunächst noch ganz belustigt, beobachten wir das Schauspiel. Wir sitzen nämlich im „Chilli Out“, das einzige europäische Burger und Pizza Restaurant in Cherai Beach. Einmal die Woche lüstet uns schon nach Käse oder Fleisch oder Schokokuchen. Auf einmal steht ein einzelner Junge, schlank, etwa 18 Jahre alt, 10 Meter neben den Mädels und schaut aufs Meer. An sich nicht weiter verwunderlich. Aber irgendwas ist komisch. Dann rufe ich, dass er ein Handy in der linken Hand leicht versteckt hält und offenbar versucht die Mädels zu filmen. Unser Gastgeber Nanno erzählt das dem Inhaber des Restaurants, zu dem auch das Stück Strand gehört, auf dem die Mädels liegen. Wie von der Tarantel gestochen, rennt er auf den Typen los, der ganz entsetzt ist, dass er „entdeckt“ wurde. Die Mädels völlig verwirrt, beginnen sich anzuziehen. Dann versucht der Spanner zu fliehen aber Eddy, der Inhaber bekommt ihm zu greifen, entreißt ihm das Telefon und rennt Richtung Tresen. Er droht ihm mit der Polizei und baut in der Zeit die Speicherkarte des Telefons aus. Da er weder Polizei noch seine „harten Jungs“ erreichen kann, die er für alle Fälle im Telefon gespeichert hat, um den dreisten Jungs Angst zu machen, tut er das für ihn einzig mögliche und zertrümmert die Speicherkarte mit einem Hammer. Der Junge ist völlig sprachlos, kommt aber nicht einmal auf die Idee sich zu entschuldigen. Schlussendlich schmeißt Eddy ihn raus, mit dem Vermerk, dass er ihm hier nie wieder auf dieser Höhe dieses Strandes sehen will.

Das ist wirklich komisch hier, aber nach Erläuterungen von Nanno und anderen Indern durchaus verständlich. Kinder bekommen in Indien nach ihrem zweiten Lebensjahr nicht mehr viel Zuneigung oder irgendeine Form von Körperkontakt von ihren Eltern. Für die meisten ist die nächste Berührung mit dem anderen Geschlecht in der Hochzeitsnacht, was in ländlichen Gebieten oder den muslimisch geprägten Gegenden meist um das achtzehnte Lebensjahr herum stattfindet. Und das kann man gut beobachten. Niemand berührt sich hier, nicht auf der Straße oder anders wo. Einzig junge Männer und Frauen untereinander halten auf der Straße Händchen, als ein Ausdruck von Freundschaft. Bei uns wäre es ein Zeichen von Zuneigung, meist sexueller Natur. So könnte man ohne Vorwissen oder Erläuterungen annehmen, Homosexualität wäre hier öffentlich toleriert. Aber das ist es leider ganz und gar nicht. Nähe und Zuneigung ist eines der vier psychologischen Grundbedürfnisse der Menschen. Nicht verwunderlich also wenn diese unterdrückte Sexualität hier zu diversen sexuellen Gewalttaten führt. In diesem Punkt hat Indien noch einen recht langwierigen Prozess vor sich, der aber mit der zunehmenden Verbreitung des Internets durchaus beschleunigt wird. Ich plädiere nicht für eine vollständige westliche Anpassung Indiens, aber die neuen Generationen werden sich immer stärker am Westen orientieren und dafür werden sie eine Basis in ihrer Gesellschaft suchen und wohl auch kreieren. Es passiert hier langsamer als anderswo, aber auch hier wandelt sich die Rolle der Frau in mikromillimeter kleinen Schritten, aber es passiert.

chilli out


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