“Es ist doch viel spannender immer wieder die gleiche Frau ins Bett zu bekommen…”

30. Juni 2015

von Lydia Springer

Inspiriert durch die Aussage meines Freundes (in der Überschrift), habe ich mir einige Gedanken, zu einem Thema gemacht, das mich seit Jahren beschäftigt und offensichtlich auch in den Medien derzeit ab und an diskutiert wird: Die Mingles, Freundschaft Plus, Affären-Mentalität, Tinder, andere Singleportale und ein großer Pool an Freunden, die mit der Gesamtsituation (ihrer Beziehungssituation) unzufrieden sind.
Warum haben so viele Menschen in den Großstädten eine so unbefriedigende Beziehungs- oder besser Nichtbeziehungssituation?
Immer wieder begegnen mir Menschen für die Tinder, die größte Erfindung der Neuzeit ist. Ich lausche Gesprächsfetzen ( ich arbeite derzeit in der Gastronomie) von jungen Menschen, die sich von Szenarien, Komödien und unfassbaren Dramen erzählen, teilweise abgebrüht, teilweise hochemotional. Und oft geht es nur um One-Night-Stands.

Nur was ist es für eine Herausforderung einen anderen einsamen Menschen in einer Grossstadt zu finden um mit ihm unmittelbaren und anonymen Sex zu haben? Fast keine. Da keiner von uns aussieht wie der Glöckner von Notre Dame oder die Hexe aus Hänsel und Gretel, ist es nicht verwunderlich, dass ein Single in einer Stadt wie Berlin und als Besitzer eines Internetanschlusses und/oder eines Smartphones zwischen 10 und 20 Bekanntschaften innerhalb eines Jahres machen kann, von denen man außer Name, Alter und vielleicht beruf nichts anderes speichert, manchmal noch nicht mal die Telefonnummer. Manchmal ist der Sex gut, den man nach dem alkoholreichen Abend hatte, meist ist er okay und manchmal grottenschlecht, aber auf jeden Fall reicht es imer aus um ein kleines Melodram oder eine Komödie daraus zu formen, auch wenn sie nicht für länger anhält als den 15-Minuten Ruhm in unserem Gedächtnis und dem unserer Freunde, den schon Warhol benannte. Aber hinterlassen diese Begegnungen wirklich keine Spuren bei uns, auf unserer Seele und unserem emotionalen Gedächtnis? Stumpfen sie uns nicht ab, verlieren wir dadurch nicht unsere Begeisterungsfähigkeit für die kleinen Dinge und langfristig unsere Lebensfreude, weil wir immer wieder enttäuscht werden und nicht das finden was wir eigentlich suchen?

Ich darf das so abfällig sagen, weil ich genau das fast ein ganzes Jahr gelebt habe und vor einigen Jahren schon einmal und wiederrum davor auch eine gewisse Zeit. Man könnte sagen ich sei ein Profi im Dating, abschleppen und Minidrama produzieren. Nein falsch, ich war es. Was passiert ist? Eine schlimme Trennung, das Fallen in das tiefste, dunkelste, traurigste Loch, das ich je erlebt habe und mein Weg daraus. Metamorphose ist wohl passend.
Und was ich vor allem gelernt habe ist, dass die wirkliche Herausfordung eine echte Begegnung ist. Das Interesse an einem Menschen, Liebe, Vetrauen, sich vollständig fallen lassen zu können und daran zu arbeiten mit Empathie und Liebe. Liebe und noch mehr Liebe. Bedingungsloser, freier Liebe, die nicht an Parametern, Vorraussetzungen und Besitz geknüpft ist. Ohne Angst und Druck, ohne Zweifel und Altlasten, denn das ist wohl das schwerste. Denn wir tragen alle die Erfahrungen unserer Vergangenheit mit uns herum und sie filtern das was wir sehen und erleben. Sie bewerten alles und schätzen ein. Manchmal ist das hilfreich, aber manchmal blockieren diese Erfahrungen uns, weil sie alte Verletzungen sind, die uns ängstlich machen, wieder verletzt zu werden und damit schließen wir dieses Risiko aus und gleichzeitig die Möglichkeit glücklich und zufrieden zu werden. Nur wer sein Herz öffnet und andere hineinlässt, kann eine echte, innige, vertraute Beziehung – es geht nicht nur um Partnerschaften, auch um Freundschaften, oder das Verhältnis zu unsere Verwandten – herstellen, und geht immer das Risiko ein, verletzt zu werden. Das ist der Deal.

Da ich die letzten Monate sehr viele großartige Sätze kennengelernt habe, die mir unglaublich geholfen haben, möchte ich diesen mit einem der wichtigsten abschließen, der groß in meiner Küche an meiner Tafel steht und eine meiner engsten Freundinnen auch mittlerweile in ihrem Zimmer hängen hat und uns beiden sehr viel bedeutet:

“Loslassen, immer wieder loslassen”

Es klingt einfach, aber ist in Wirklichkeit unheimlich schwer… alte Muster, geliebte Menschen, dumme Angewohnheiten, Fehler, versäumte Chancen, jede Form von Besitzanspruch, und am wichtigsten Ängste! Denn wo Liebe ist, ist keine Angst mehr und wo Angst ist, kann keine Liebe sein.


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